Was der Besucher sieht, sind großformatige Körper-Raum-Konstruktionen mit einer
ungewöhnlich optischen Sogwirkung auf der Bildfläche. [...] Geometrie beherrscht die Bildgegenstände. Die reale Welt wird zum Bühnenbild, der Mensch, so er auftaucht, verliert sich zwergenhaft im übermächtigen Raum. Er bunkert sich in kastenförmigen, voneinander isolierten Gehäusen. Er ist ausgeliefert der Zerstörung, die er selbst angerichtet hat. Arbeiten mit Tagebaumotiven sind meist Bilder, in denen das Unterste zu oberst gewühlt wurde, das aber dennoch Natur bleibt und damit die Hoffnung einer Renaturierung in sich trägt.  Bei Katrin Günther gibt es keine Hoffnung auf die Kräfte der Natur. Die Welt ist tot und nur noch ein geometrisches Gebilde. Das aber wird mit höchster Kunstfertigkeit und kühler Ästhetik erfasst. Ihre Arbeit 'Landschaftsstau' schiebt die Realitätsfragmente zu einem unheimlich grandiosen Kunstgebilde, das nun als Bildlandschaft funktioniert. Es sind von der Realität inspirierte, in der künstlerischen Umsetzung jedoch inszenierte Landschaften. Manchmal entsteht der Eindruck, sie seinen nach Modellen aus Architekturübungen gemalt wie etwa 'Traumhaus Pritzen'.  Überhaupt die Häuser ! Sie drohen abzurutschen, sie fliegen ? vom Tagebau zerstörte Dörfer , die in den Himmel fliegen. 
Doch letztlich kommt die Flut - eine exquisite Naturstudie, die nicht nur die Realität, sondern
auch die Bildwirklichkeit wegspült.<br><br> 

Neumann, Arno Dr.: Märkische Allgemeine, Potsdamer Stadtkurier,
'Landschaftsstau', Potsdam 24.02.2010, S.18
65 Kb
ACHTUNG GRUBE setzt Achtungszeichen<br><br>

Im ersten Moment meint man vor Auftragsarbeiten für das Haus _ was ein Irrtum ist _ zu stehen, so perfekt fügen sie sich in den weiten Raum ein. Es sind Zeichnungen, ungewöhnlich in ihren über einen Meter hohen und bis zu drei Metern breiten Formaten, ausgeführt mit Bleistift, Kohle oder Tusche. Aus der Ferne scheint das alles wie ein kunstvolles Geflecht grafischer Strukturen. Aus der Nähe betrachtet offenbaren sich jedoch Landschaften, in die der Betrachter zu versinken droht. <br><br>
Achtung. Grube! _Ankerplatz_ ist die erste Arbeit im Foyer betitelt. Eine rettungslos geborstene Landschaft beherrscht den Bildraum. Wasser füllt die Abgründe. Mauern mit technischem Reguliergerät halten es in Schach. Gefährlich schmale Steige versuchen, die Erdinseln zu verbinden, auf denen abgestorbene Bäume an gewesene Natur erinnern und die Situation nur noch trostloser machen. In tiefer aufgebrochener Felswand klemmt ein Kahn. Ein Ankerplatz ? gibt es den überhaupt in dieser irreal realen Welt? <br><br>
Die Situation wird nicht mit expressiven bildnerischen Mitteln hochgepeitscht. Sie wird in einer geradezu brillianten Zeichnung realisiert. Man sehe sich nur einmal die rechte Bildseite an, wie mit Zeichenkohle im Hell-Dunkel der Schraffuren eine Felswand gebaut wird! Wer wird da nicht an die Zeichenkunst deutscher Romantiker erinnert. Tatsächlich steckt in allen Arbeiten eine eigenwillige Romantik. . . . Das Fantastische, dass aus Versatzstücken des Realen geschaffen wird, macht Katrin Günthers Arbeiten so hintergründig. Es sind eigentlich alles Landschaftsbilder in einem untrennbar gewordenen und so unbeherrschbaren Konflikt von Natur und Technik. Stolze Technik beginnt zu wuchern _ eine neue Natur? <br><br>
Es ist ein Wunderland, das seine Katastrophen in sich birgt. . . .<br><br>

Neumann, Arno: Lausitzer Rundschau, Achtung Grube setzt Achtungszeichen, 
Cottbus 16.11.2012
58 Kb
Altdorfer und Piranesi auf der Grossbaustelle

Das ist wirklich kaum zu fassen: Ein undurchdringliches Gewirr von Stangen, Röhren und Platten breitet sich vor uns aus und öffnet sich in eine schier unendliche Weite, vor der uns schwindelt. Schrägen reissen unseren Blick jäh in die Höhe, in der auf leichtem Gestänge windschiefe Hütten balancieren. Weder die räumliche Ausdehnung noch der Reichtum an Details sind in Katrin Günthers monumentaler Zeichnung Zum Boden am See von 2015 zu fassen. (...) Den ausgreifenden Schwung der phantastischen Konstruktionen sieht man nur aus einer grösseren Distanz; die Details hingegen nur aus der Nähe, wodurch sich der Blick im Formengewirr verliert und der Zug in die Raumtiefe umso dramatischer wird. Denn erst durch den Blick auf das Detail kann man die Grössenverhältnisse und damit die Erhabenheit der wilden Konstruktionen erkennen. So erklärt sich das Unbehagen mancher Betrachterinnen und Betrachter vor Günthers Zeichnungen. Denn sie werden plötzlich der unermesslichen Tiefe gewahr, in welche der Blick abstürzt oder der schieren Masse, die wie ein Damoklesschwert über ihnen hängt und angesichts der dynamischen Schwünge auf sie hinabzustürzen droht. Diese Merkmale, die konkurrenzierenden Sichtweisen oder den Eindruck von Gefährung und Erhabenheit, haben Günthers jüngste Werke mit Giovanni Battista Piranesis Carceri von 1745-50 gemein. (...) Ihre jüngsten Werke sind Bilder einer globalisierten, immer komplexer erscheinenden Welt mit ungeplant und unplanbar wuchernden Mega-Cities, deren Entwicklung bedrohlich und dynamisch zugleich wirkt.

Heinz Stahlhut

Kunstmsueum Luzern 2016
Altdorfer und Piranesi auf der Grossbaustelle<br><br>

Das ist wirklich kaum zu fassen: Ein undurchdringliches Gewirr von Stangen, Röhren und Platten breitet sich vor uns aus und öffnet sich in eine schier unendliche Weite, vor der uns schwindelt. Schrägen reissen unseren Blick jäh in die Höhe, in der auf leichtem Gestänge windschiefe Hütten balancieren. Weder die räumliche Ausdehnung noch der Reichtum an Details sind in Katrin Günthers monumentaler Zeichnung Zum Boden am See von 2015 zu fassen. (...)
Den ausgreifenden Schwung der phantastischen Konstruktionen sieht man nur aus einer grösseren Distanz; die Details hingegen nur aus der Nähe, wodurch sich der Blick im Formengewirr verliert und der Zug in die Raumtiefe umso dramatischer wird. Denn erst durch den Blick auf das Detail kann man die Grössenverhältnisse und damit die Erhabenheit der wilden Konstruktionen erkennen. So erklärt sich das Unbehagen mancher Betrachterinnen und Betrachter vor Günthers Zeichnungen. Denn sie werden plötzlich der unermesslichen Tiefe gewahr, in welche der Blick abstürzt oder der schieren Masse, die wie ein Damoklesschwert über ihnen hängt und angesichts der dynamischen Schwünge auf sie hinabzustürzen droht. Diese Merkmale, die konkurrenzierenden Sichtweisen oder den Eindruck von Gefährung und Erhabenheit, haben Günthers jüngste Werke mit Giovanni Battista Piranesis Carceri von 1745-50 gemein. 
(...) Ihre jüngsten Werke sind Bilder einer globalisierten, immer komplexer erscheinenden Welt mit ungeplant und unplanbar wuchernden Mega-Cities, deren Entwicklung bedrohlich und dynamisch zugleich wirkt. <br><br>

Heinz Stahlhut 
<br><br>Kunstmsueum Luzern 2016